Leukämie… oder umgangssprachlich Blutkrebs. Es ist ein und dieselbe Krankheit. Jeder kann erkranken, du, ich, eine Person, die einem viel bedeutet.  Wir hatten Glück. Jemand anders nicht. Für diese Krankheit gibt es nur eine Ursache -  das alldurchdringende Chaos. Das Knochenmark „stolpert“ auf einmal – macht einen Fehler – und produziert falsche weiße Blutkörperchen, die ihre Funktion nicht erfüllen, sich dafür umso schneller vermehren. Warum das Knochenmark diesen Fehler macht ist genauso schwer zu erklären, wie warum es früher keine machte. Einer hatte eben Glück, ein Anderer – einer von 50.000 – Pech.

Der Pechvogel wird immer schwächer, kränklicher, bekommt Begleitkrankheiten wie Angina oder Grippe. Es ist unangenehm, keiner denkt aber noch ans Schrecklichste. „Ha ja, eine Angina. Passiert eben…“ In der Regel sind es gerade die Begleitkrankheiten, die einen zum Arztbesuch zwingen.  Ein umsichtiger Arzt nimmt seinem Patienten Blut ab, und die Leukämie wird entdeckt. Wenn eine Blutprobe allerdings nicht gemacht wird, so mehren sich die Krankheiten mit immer bedrohlicherer Symptomatik.

Ein unerfahrener Arzt würde zunächst versuchen, die Begleiterscheinungen zu behandeln, wobei sich die Blastzellen – diese „falschen“ Blutzellen – weiterhin den Körper füllen. Häufig wird Leukämie erst spät diagnostiziert. Dann sagt man so was wie „der Krebs hat ihn binnen vier Tage niedergerafft“. Dem ist nicht so: die Krankheit war lange da, nur wurde sie erst sehr spät entdeckt. Wir aber wissen, dass man sehr aufpassen muss…

Leukämie kann man nicht etwa mit Bluttransfusionen behandeln, weil das Blut schnell altert und durch neue, dieses Mal  „falsche“ Blutzellen ersetzt wird, die das Knochenmark produziert. Nach wenigen Stunden wäre das Bild genauso wie vorher. Transfusionen sind aber sehr wichtig, weil das Rückenmark während der Krankheit schlecht funktioniert und die Zellbildung erschwert ist.
In dieser Zeit verliert der Patient nahezu jede Immunität, Wunden heilen sehr lange, leichte Berührungen hinterlassen blaue Flecken, ruckartige Bewegungen führen zu Blutungen. Daher werden Blutübertragungen verordnet. Zwar können sie den Patienten nicht heilen. Jedoch kann sein Zustand dadurch stabilisiert werden. So darf ein Patient mit niedrigem Trombozytgehalt im Blut weder aufstehen, noch fernsehen noch lesen – „die Adern können platzen oder die Netzhaut löst sich ab“. Nach einer Transfusion kann der Patient ruhiger schlafen.
 
Die Behandlung der Leukämie sieht zunächst wirklich mittelalterlich aus, ein grausamer Prozess. Das hämopoetische System, d.h. das Blutbildungssystem des Patienten wird lahmgelegt: Zellen können sich nicht mehr teilen, folglich können keine Blastzellen mehr entstehen. Eine Chemotherapie ist im Grunde ein Zusammenprügeln aller teilfähiger Zellen. Da die Haare ebenso aus diesen Zellen bestehen, fallen sie aus. Nach der Chemotherapie setzt die Blutbildung langsam wieder ein. Da die normalen, nicht befallenen Zellen stärker sind als die mutierten Blastzellen, besteht die Hoffnung, dass sich die Normalen erholen, die Blastzellen aber nicht. Allerdings kann man nie sicher sein, ob das Rückenmark aus seinen Fehlern wirklich gelernt hat und von nun an nur noch gesunde Zellen produziert. Es kann sich nochmals irren. Daher wird die Chemotherapie immer wieder angesetzt. Das hält das Rückenmark bei Stange.

Es gibt unterschiedliche Leukämietypen. Manche rezidivieren selten, daher werden sie nur durch Chemotherapien behandelt. Andere wiederum können durch Chemotherapie allein nicht behandelt werden, da das Rückenmark nur für kurze Zeit „brav“ bleibt. Hinterher kann es alles wieder vergessen und von neuen anfangen. Davon wie alt das Knochenmark ist und welchen Blastzellen-Typ er anfangs produziert hat (z.B. b-Lymphozyten oder t-Lymphozyten) hängt der Erfolg der Chemotherapie ab. Und davon, wie weit das Knochenmark in seiner Fehlfunktion es gebracht hat. Das ganze nennt man dann „Risikofaktoren“. Das Knochenmark eines Kindes ist nachgiebig und sieht seine Fehler gern ein. Ein leukämiekrankes Kind bleibt häufig in der Remission, sprich Gesundphase, bis es erwachsen ist. Dann werden manche nie wieder krank. Dies ist leider nicht bei allen so. Deswegen ist das Alter ab 18 ein zusätzlicher Risikofaktor.

Bedeutender ist aber der Blastzellen-Typ, den das Rückenmark produzierte. Je reifer diese Zellen waren,  desto größer ist die Gefahr, dass die Leukämie wiederkehrt. Dieser Fehler ist zu gravierend als dass er vergessen werden könnte. Dies ist der 2. Risikofaktor.

Der 3. Faktor ist der Fortschritt der Krankheit, als sie entdeckt wurde. Wenn die Blastzellen nicht nur das Blutbildungs-, sondern auch das Nervensystem befallen und die Teilung „falscher“ Zellen in Gang gesetzt haben, so wird die Situation zusätzlich erschwert. Blastzellen im Nervensystem sind wie Wildwest-Ganoven in einem anderen Staat. Sie werden nach Gesetz des jeweiligen Staates behandelt, was ihnen zusätzliche Vorteile bietet. Und man kann sie nur schwer dingfest machen.

Alles in Einem kann man sagen, dass je mehr Risikofaktoren vorhanden sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das durchgedrehte Knochenmark wieder zu sich kommt. Deswegen empfehlen die Ärzte in den schlimmsten Fällen das blödelnde Knochenmark des Patienten durch ein intaktes fremdes Knochenmark zu ersetzen.

Die Lösung erscheint einfach. Was könnte cleverer sein, als das gesunde Knochenmarktransplantat gegen die Leukämie kämpfen zu lassen. Doch häufig ist die Transplantation nicht minder gefährlich als die Krankheit an sich. Zunächst muss man das Knochenmark des Patienten durch Chemopräparate vollständig abtöten. Und ohne Knochenmark kann der Patient bei kleinster Infektion sterben. Dann kann das Transplantat auf seine Art „blödeln“, indem es Zellen produziert, die ein Organ nach dem anderen befallen und vernichten. Dieses wird dann als „Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion“ oder auch GvHD (Graft-versus-Host Disease) bezeichnet. GvHD tritt immer auf. Manchmal bekommt man sie unter Kontrolle. Manchmal aber nicht, und dann ist es fast unmöglich, den Patienten zu retten.

Deswegen ist eine Transplantation immer entsetzlich. Damit sie erfolgreich ist muss man eine Million Faktoren beachten, maximal sterile Bedingungen schaffen und alle Medikamente immer parat haben, falls irgendwas schief läuft. Die Transplantateinheilung ist ein langer Prozess, der mindestens 100 Tage dauert. In dieser Zeit kann alles Mögliche passieren. In Russland sind die Bedingungen für eine Transplantation noch nicht ausreichend. Daher ist sie hierzulande mit höheren Risiken verbunden, als sie bereits gegeben sind. Deswegen sammeln wir Mittel für eine Transplantation in Deutschland. Oder – falls Ljoscha rückfällig wird, wenn wir die Summe noch nicht zusammen haben – in Israel. Wir wollen seine Chancen erhöhen. Er hat nicht viele. Wir aber wollen dass er lebt. Gegen das alldurchdringende Chaos. Wir wollen, dass Ljoscha alt wird.

ENGRUS