Gewöhnlich sagt man über einen Menschen, der plötzlich Krebs bekommt und Geld für die Behandlung braucht, dass er vorher ein ganz gewöhnlicher Mensch war: „Erst vor kurzem war der- oder derjenige noch ein ganz normaler Typ, hat Fußball gespielt, ist mit seinen Freunden Kajak gefahren, hat Mädchen angemacht und ist gern ausgegangen“. Über Ljoscha kann man so was wirklich nicht sagen. Er war nun mal nie in seinem Leben gewöhnlich. Als er z. B. klein war, stellte er sich vor, auf dem Klo goldene Gegenstände ausscheiden zu können. Also hat er immer extra nachgeschaut, ob da nicht Gold im Topf ist. Als er älter wurde, dachte sich Ljöscha eine Schrumpfschachtel für Promis aus: Er bastelte eine Schachtel, wo kleine lebendige Kopien von Promis aller Art reinkommen sollten – dann würde die Schachtel nämlich ihrem Zweck dienen.


Als wir uns kennen lernten, war Ljoscha 16. Unter seinem Bett wuchs ein riesiger Stapel Blätter voller Projekte und Ideen. Alles Verschiedene – Kleidungsskizzen, Werbekampagnen für erfundene Produkte, TV-Sendungen oder Shows für einen ebenso erfundenen Fernsehsender… ich erinnere mich an eine fiktive Show, wo die Teilnehmer sich selbst möglichst kompakt verpacken sollten. Die Leute mussten sich aus Kartons verschiedener Formen einen aussuchen, sich reinsetzen und die Hohlräume mit allerlei Zeug stopfen etc.


All diese Ideen entsprangen Ljoschas schlaftrunkenen Bewusstsein: vor dem Einschlafen betrachtete er die Bilder in seinem Kopf. Häufig waren sie so berauschend, dass er aufwachte und sie weitererzählte oder notierte.


Eigentlich haben wir uns kennen gelernt, weil Ljoscha Filme machen wollte. Wir haben seine für mich damals so sonderbare Ideen besprochen. Mir kamen sie wie Denksport vor, anfangs musste ich sie lösen wie ein Rätsel oder so.


Ljoscha konnte stundenlang mit Fragen löchern wie „Wenn du Engländerin wärst, könntest du dann in Kemerowo (russisches Kleinkaff) leben?“ oder wie „Möchtest du eine Finnin sein, und dich dein ganzes Leben lang von Heidelbeeren ernähren?“ „Mein ganzes Leben lang?“, fragte ich, und er sagte „Ja, wenn du wüsstest, dass du gebraucht wirst?“


Du bist mitten im Gespräch, unterhältst dich über seriöse Dinge oder sagst ihm (wegen Kleinigkeiten, natürlich) die Meinung ins Gesicht, als vollkommen unerwartet so was wie „Wen würdest du opfern wollen?“ kommt. Du schaltest von der Realität ab und das Spiel beginnt.


Ljoscha hat mich viel gelehrt. Zum Beispiel, immer wieder den gleichen Film zu schauen. Anfangs habe ich gestaunt, dass Ljoscha beliebigen Film dutzende Male sehen konnte. Er kannte ihn auswendig: jedes Geräusch, jede Szene, er konnte einen Film wahrhaftig mit geschlossenen Augen sehen. Ich versuchte es auch und war sofort ein Fan seiner Methode. Wir wollten sie sogar in einem Club umsetzen: saisonal immer wieder den gleichen Film zeigen, non-stop, die Akzente auf die besten Szenen verteilt. Fast hätten wir seine Idee in die Praxis umgesetzt, doch dann scheiterten wir an bürokratischen Hürden.


Früher erzählte mir Ljoscha seine Träume. Er schrieb sie in Briefen nieder. Ein paar habe ich noch. Hier ist so ein Traum:

„Es passierte im Ferienlager, ich glaube in der Krym. Ich stand in einer Aula, das Konzert war gerade zu Ende, da kam ein chinesisches Mädchen auf mich zu, höchstens fünf. Sie bat mich, ihr einen Kalender für dieses Jahr zu kaufen. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich zum Kiosk. Aber am Kiosk gab es nur welche mit Sternzeichen. Also musste ich wissen, was für ein Sternzeichen sie ist. Doch plötzlich stellte es sich heraus, dass sie nur chinesisch kann, und ich selbstverständlich nicht. Und ich erschrak ein bisschen: ich konnte sie also von Anfang an gar nicht verstehen.“


Seine Briefe an sich waren immer wunderbar. Ab und zu beschrieb er Situationen, deren Zeuge er zufällig geworden war. Manchmal erreichen die Beschreibungen von Kindern epische Qualitäten. Und dann sieht die Realität düster und rätselhaft aus. 

„Ich saß in der U-Bahn, als ich im Wagen nebenan zwei absolut identische Frauen sitzen sah; sie hatten den gleichen Kleidungsstil: die gleichen Röcke, die gleichen Schuhe; sie klammerten sich gleichermaßen in ihre Plastikbeutel, ihre Hände reichten gerade noch um den Bauch, sie saßen da mit geschlossenen Augen und bissen sich auf die Lippen. Sie kannten sich nicht und sahen sich nicht einmal. Sie werden auch niemals von Einander erfahren, weil es physisch unmöglich ist, denn sie waren unfähig es zu bemerken. Beide stiegen bei der nächsten Station aus…“

Träume, Geschichten… meistens kamen sie einfach in Briefen und sie waren ein Teil des Lebens, niemand bekam je was davon mit. Ich habe sie auch nur erwähnt, um zu zeigen, wer Ljoscha eigentlich ist. Es ist schwer, es auf eine andere Art zu erklären. Ljoscha schickte auch Bilder.

Genau wie die unter-der-couch’schen Blätter mit Ideen, waren auch seine Bilder ein allabendliches Ritual. Vor dem Schlafengehen setzte er sich hin und malte ein Bild, nicht um es zu zeigen, einfach nur so, um sein Bewusstsein freizumachen. Später, im Krankenhaus schon, als er wegen der Medikamente nicht mehr klar denken, lesen, Fern schauen oder gar sprechen konnte, klebte er die Bilder zu Collagen zusammen. Hier kann man sie betrachten.